Goethe vs. Büchner

Deutsch


Leistungskurs Deutsch, 12/1: Epochenwandel

Nachdem wir uns auch mit der Klassik sowie Goethes „Iphigenie“, danach dem Vormärz und Büchners „Woyzeck“ beschäftigt haben, ging´s ums Vergleichen. Unter anderem ist dabei auch das folgende von einer Schülerin (J.G.) entwickelte fiktive Gespräch zwischen Goethe und Büchner entstanden.

Annahme: Der in hohem Alter gestorbene Goethe und der nur 23-jährig gestorbene Büchner treffen sich im Himmel und fangen einen Disput über Literatur an.

Goethe:

„Diese Jugend, eine Schande ist es!“

Büchner:

„Weshalb? Wir sind das junge Deutschland, die Zukunft!“

Goethe:

„Die Zukunft? Es graust mir bei dem Gedanken. Formlos seid ihr, ohne Stil, ein wildes Durcheinander!“

Büchner

„Durcheinander?“

Goethe:

„Ja, ein Durcheinander! Was macht ihr aus unserer schönen Sprache! Verleugnet den Vers, in eurem Geschreibsel, Drama möchte ich es kaum nennen! Aristoteles, der wahre Lehrer, im Grabe wird er sich wenden!“

Büchner:

„Das sollte er! Was nützt seine Lehre? Realitätsfern ist diese, kein Bezug zu dem heutigen Leben! So wie Eure Dichtung, die sich an seine Lehre hält! Was bringt sie den Menschen!“

Goethe:

„Moral, Ehrlichkeit, Schönheit! Das ist, was die Menschen brauchen, sie müssen lernen von Vorbildern, besser werden durch deren Ideale!“

Büchner:

„Lernen? Von was? Eure `Iphigenie´, nie sah ich eine Charaktere, die weiter entfernt war von dem Menschen! Lernen von jener: Unmöglich!"

Goethe:

„Was tut Ihr denn, der sich so echauffiert über die Ideale, die ich den Menschen durch die Kunst nahe bringe? Was tut Ihr? Bessern tut Ihr die Menschen nicht, es fehlt an wahren Helden in Euren Stücken, an Gestalten, an denen sich die Menschen orientieren können! Lehrt die Menschen, indem Ihr ihnen Großes zu schauen gebt!“

Büchner:

„Lehren ist nicht, was ich will! Erzählen, aufklären, das sind die wahren Aufgaben eines Dichters!“

Goethe:

„Ha, erzählen? Was denn?!“

Büchner:

„Das Leben, die Welt! Ich zeige den Menschen, wie es wirklich ist in der Welt, in diesem Land!“

Goethe:

„Und was soll das bezwecken? Ich sage: Nach dem Schönen soll man sich richten! Das ist, was ich ihnen zeige, die unvollständige Welt, die sehen die Menschen jeden Tag!“

Büchner:

„Genau das tun sie nicht! Das ist, was ihnen fehlt! Sie berühren die Welt mit ihren Augen, doch sie sehen sie nicht, denn wenn sie dies täten, dann frage ich mich, warum unser Land noch immer ist wie es ist! Deswegen zeige ich ihnen die Welt, die wirkliche Welt, nicht die der Adeligen und Privilegierten, nein, die der wirklichen Menschen: des Soldaten, des Marktweibes!“

Goethe:

„So werfe ich einen Blick auf deinen `Woyzeck´ und frage mich, wie ein Mord den Menschen in irgendeiner Art aufklären soll?“

Büchner: „Nicht der Mord, sondern der Weg zu diesem soll den Zuschauer aufklären! Über die Gesellschaft und wozu diese einen mittellosen Menschen führt!“
Goethe:

„Hitzig wie ihr seid, ihr Jungen! So ist diese Gesellschaft nun einmal, Revolution über Revolution, und nie ist man sich einig, und diese Unruhe ist, was den Menschen verwirrt und ins Unglück stößt! Da richte ich meine Kunst lieber nach dem Schönen und den Idealen aus, die der Mensch braucht!“

Büchner:

„Aber so versteht doch: Man darf nicht resignieren, durch unser Schreiben können wir die Einstellung der Menschen verändern und diese werden verstehen und dann handeln, es wird sich etwas bewegen in diesem Land und…“

Goethe:

„Ach junger Mann, das erinnert mich doch ein wenig an mich selbst, früher, in den jungen Jahren, als ich demn `Prometheus´ schrieb und meinen Lesern als `Stürmer und Dränger´ galt…Doch reifen tut ein jeder, und das werden auch Sie. Der wahre Blick für die Schönheit kommt mit der Reife und,  junger Mann, Reife kommt mit den Jahre, die Ihnen noch fehlen.“

Büchner:

:„So wie die Jahre zwischen uns, so scheint auch die Differenz unserer Überzeugungen unüberwindbar.“